Sonntag, 1. September 2013

Golem und Dschinn - so unterschiedlich wie Tag und Nacht und dabei doch ganz gleich...

Golem und Dschinn

von Helene Wecker








"Glaube heißt, an etwas glauben, auch wenn man keinen Beweis dafür hat, weil man im Innersten weiß, dass es stimmt."
S.250

Es ist 1899. Otto Rotfeld, ein polnischer Jude erbt nach dem vorzeitigen Tod der Eltern eine Möbelschreinerei. Er schafft es diese nach nur 5 Jahren herunterzuwirtschaften und zieht Bilanz.

Er war dreiundreißig Jahre alt. Er wollte eine Frau, und er wollte nach Amerika.
Die Frau war das größere Problem. Abgesehen von seinem hochmütigen Auftreten war Rotfeld schlaksig und unansehnlich und neigte obendrein zu Anzüglichkeiten. Frauen waren nicht gerne mit ihm allein.
S. 7

Deswegen macht er sich auf den Weg zu Yehuda Schaalman, einem in Ungnade gefallenen Rabbiner, dem dunkle Zauberkünste nachgesagt werden. Dieser soll ihm eine Frau erschaffen.

"Sie soll neugierig sein," sagte er zu Schaalman. "Und intelligent. Ich mag keine dummen Frauen. Und oh", fuhr er fort, da er an seiner Aufgabe wuchs, "sie soll anständig sein. Nicht... unzüchtig. Eine richtige Dame."
Die Augenbrauen des alten Mannes schossen in die Höhe. Er hatte erwartet, dass sein Kunde mütterliche Güte oder einen gesunden sexuellen Appetit oder beides verlangen würde; die jahrelange Produktion von Liebeszaubern hatte ihn gelehrt, was Männer wie Rotfeld von Frauen wollten. Aber Neugier? Intelligenz? Er fragte sich, ob der Mann wusste, was er verlangte.
S. 11

Und so kommt es, dass sich Rotfeld in Begleitung eines weiblichen Golems, wie es ihn in dieser Art noch nie gegeben hat, mit einem Dampfschiff auf die Reise macht von Danzig nach New York. Doch auf dem Dampfer geschieht ein Unglück, dass den Verlauf der Geschichte in andere Bahnen lenkt...

Währenddessen, in Little Syria ist Boutros Arbeely, von Beruf Kupferschmied, mit einem reizvollen Auftrag beschäftigt. 
Er soll eine zierliche Kupferflasche ausbeulen.

Als er dastand und das Eisen schon über die Flasche hielt, überkam ihn eine seltsame Vorahnung nahenden Unheils. Er hatte eine Gänsehaut auf den Armen und dem Rücken. Schaudernd legte er das Eisen weg und holte tief Luft. Was konnte ihm nur Sorgen machen? Der Tag war warm, und er hatte herzhaft gefrühstückt. Er war gesund, und das Geschäft lief gut. Er schüttelte den Kopf, nahm das Eisen, berührte damit die Verzierung und brachte eine Schlinge zum Schmelzen.
Ein gewaltiger Schlag warf ihn um, als hätte ihn der Blitz getroffen. Er flog durch die Luft und landete neben einer Werkbank. Benommen und mit einem klingenden Geräusch im Ohr richtete er sich auf und schaute sich um.
Auf dem Boden seiner Werkstatt lag ein nackter Mann.
S. 31

So tritt der Dschinn in Arbeelys Leben. Dschinns sind Geschöpfe des Feuers, so wie es von den Menschen heißt, dass sie Geschöpfe der Erde sind.... Die Dschinn sind für gewöhnlich Einzelgänger, und dieser war es noch mehr als die meisten anderen.

Der wilde Geist des Dschinns ist in einer Menschengestalt gefangen. Doch wie es dazu kommen konnte, daran erinnert er sich nicht. Erst nach und nach, wird die Geschichte des Dschinns aufgedeckt.
Doch kann man eine wilde Seele wirklich zähmen?

Helene Wecker ist mit "Golem und Dschinn" ein erfolgreiches Debüt gelungen! Phantasiereich, poetisch und mit einem Hauch Religion gespickt erzählt Sie uns die Geschichte zweier Gestalten die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich dabei doch sehr ähnlich sind! 

Jedem Protagonisten wird ein kleiner Auftritt zu teil, so dass wir viele unterschiedliche Charaktere kennenlernen und begreifen können. Diese sind geschickt in die Geschichte verwoben, die Anfangs ruhig und im Alltag eingeflochten wird. Nach und nach werden vergessene Türen geöffnet, Geheimnisse gelüftet, Ängste und Wünsche dargelegt. 

Rückblicke in die Vergangenheit wechseln sich mit der Gegenwart ab und die dadurch erzeugte Spannungskurve ließ mich mitfiebern und Vermutungen anstellen. Und doch konnte ich den tatsächlichen Ausgang der Geschichte nicht erraten, wofür ich ganz dankbar bin :)

In einer Leserunde bei Lovelybooks verriet Helene Wecker, dass Sie sieben Jahre an dem Roman geschrieben hat. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist ein fabelhaftes Buch, dass ich jedem nur empfehlen kann!

Daher 5 von 5 Kunos!







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